"Chemiearbeiterstadt" Halle-Neustadt (gegr. 1964)
letzte Aktualisierung: 01.06.2016

Zukunftsprojekt Halle-Neustadt 2050
Kompetenzzentrum Stadtumbau über Halle-Neustadt

Wappen von Halle-Neustadt Entwurf des Neustaedter Zentrums, 1967 Seit Ende des 19. Jahrhunderts wuchs Halle (Saale) explosionsartig. Nachdem die Lücken zu den angrenzenden Dörfern geschlossen und diese eingemeindet waren, suchten Halles Stadtväter seit den 1920er Jahren händeringend nach neuem Bauland. Auch weil die Forderung der Arbeiter nach lebensfreundlicherem Wohnraum immer lauter wurde. Eine Neustadt sollte entstehen. Bereits damals blickte man westwärts über die Saale, wo zwischen den Dörfern Passendorf und Nietleben noch viel Platz zum Bauen war. Bei genauerer Prüfung erwieß sich eine Bebauung wegen der ungünstigen Grundwasserlage (Saaleaue) jedoch als technisch zu aufwändig. Die Pläne wurden verworfen. Die DDR kam jedoch im Zuge ihres Chemieprogramms darauf zurück.

Es entsprach dem Zeitgeist und dem Selbstverständnis der DDR, als erster sozialistischer Staat auf deutschem Boden gerade das zu wagen, was die "Kapitalisten" nicht gewagt hatten. Staatschef Walter Ulbricht schwebte eine Demonstration der Stärke des Sozialismus vor. Beschleunigt wurden die Überlegungen durch den enormen Arbeitskräftebedarf der nahen Chemiewerke Leuna und Buna und die kostenintensive Sanierung von Alt-Halle. Im halleschen SED-Parteiorgan "Freiheit" entwarfen Planer und Leser die kühnsten Gedanken, wie diese neue Stadt aussehen könnte. Manch einer träumte sogar von einer U-Bahn. Doch kühle Rechner stoppen derlei Fantasiegebilde: Eine U-Bahn lohnt sich erst in einer Stadt ab einer Millionen Einwohner, war in der Freiheit zu lesen. Halles Einwohnerzahl lag Anfang der 1960er Jahre deutlich unter 500.000.

Die besten Architekten der DDR, darunter Richard Paulick, machten sich ans Werk. Aber auch sie konnten nicht alle Träume verwirklichen. Neben der U-Bahn schieden auch Tiefgaragen und eine Straßenbahn aus Kostengründen aus. Denn worum es der Hochhaus der Chemie - Entwurf 1967 DDR vordergründig ging, war die Errichtung einer industriell vorgefertigten, modernen Fertigteilstadt, die schnell und kostengünstig Wohnraum für bis zu 100.000 Menschen bietet. Paulick holte sich entsprechende Inspirationen aus aller Welt, vor allem aus Skandinavien.

1964 war es dann soweit. Horst Sindermann, seinerzeit erster Sekretär der SED-Bezirksleitung, legte den Grundstein für das neue Wohngebiet, das zunächst Halle-West hieß. Ein Neubauproramm rollte an, das in der deutschen Geschichte beispiellos war. Die "Chemiearbeiterstadt Halle/Saale-West, Großbaustelle der Jugend", wurde propagiert. Mit großem Tempo wurden in der Schlammwüste (daher stellen viele Neustädter ihre Schuhe vor der Wohnungstür ab) westlich der Saale die ersten Wohnblöcke hochgezogen. Um im größtmöglichen Tempo bauen zu können, wurden für die Neustadt ein eigenes Wohnungsbaukombinat (WBK) und ein Plattenwerk eingerichtet. Taktstraßen entstanden. Als ökonomischte, modernste zugleich schnellste Variante des Bauens wurde die Plattenbauweise, also das Bauen mit vorgefertigten Betonplatten, angewandt. Das Verfahren der Plattenherstellung wurde ständig verbessert. Schließlich wurde ein Betonband gegossen, wo sich Zusätze wie etwa Kacheln am Fließband anbringen ließen und die jeweiligen Platten im gewünschten Maß abschneiden ließen. Gebaut wurde in so genannten Taktstraßen (Es gab sogar eine Zeitung "Taktstraße").

Liane Lang, Halle-Neustadts langjaehrige Oberbuergermeisterin, auf der Feier 40 Jahre Halle-Neustadt im Sommer 2004 im Gespraech mit Udo Mittinger, damals Geschaeftsfuehrer der GWG. / Foto: Schramme Generell galt: Die Bebauung sollte weiträumig sein, damit auch das Erdgeschoss noch Sonne bekommt, Versorgungseinrichtungen wie Kaufhallen, Dienstleistungen, Kindergärten und Schulen sollten für alle in maximal zehn Minuten erreichbar sein. Später sorgten die Planer für reichliche Begrünung (Neustadt ist Halles grünster Stadtteil) und zahlreiche Kunstwerke (Wandbilder, Plastiken, Brunnen usw.) im gesamten Stadtgebiet.

Zu Honeckers Zeiten sollte Halle-Neustadt eine eigenständige Großstadt mit 100.000 Einwohnern werden. Als 1989 die politische Wende kam, war Halle-Neustadt zwar eine eigenständige Stadt mit der Oberbürgermeisterin Liane Lang, doch wohnten dort nur etwas mehr als 90.000 Menschen und ein eigenes Rathaus war gerade erst im Bau (zuvor hatte in einem normalen Wohnblock nur ein Provisorium bestanden). Heute wohnen nur noch rund 45.000 Menschen in Neustadt (Stand 2009).

Baustruktur

Halle-Neustadt war eine sozialistische Planstadt, die in neun Wohnkomplexe und dort wiederum in Blöcke eingeteilt wurde beginnend mit der Nummer 001.

Der Wohnkomplex 1, kurz WK I oder I. WK, entstand zuerst von 1964 bis 1968. Dort erfolgte am 15. Juli 1964 auch der erste Spatenstich, der zugleich Baubeginn für die erste Neustädter Schule, die 1. POS, war. Markantestes Bauwerk des WK I war der 380 Meter lange Block 618-621. In dem Baugebiet wurde mehr experimentiert als in jedem anderen. Zu den so genannten Sonderbauten im WK I gehörte der Delta-Kindergarten. Er entstand quasi über Nacht und ohne Baugenehmigung aus den HP-schalen, benannt nach ihrem Erfinder, Herbert Müller aus Halle. Eines der Experimente war auch der "Plasteblock" Block 683. Mehr Plaste-Elemente als an jedem anderen Block kamen zum Einsatz. Als zentrales Versorgungs- und Freizeitzentrum enstand das Gastronom.

Im WK III entstand 1974 das erste Punkthochhaus in Halle-Neustadt.

Block 002 und 003 Hochhäuser am Bruchsee
Block 006 S-Bahnhof an der Abert-Einstein-Straße
Block 007 bis 015 Neustädter Passage
Block 014 Kaufhalle
Block 016 Poliklinik
Block 021 Rathaus Halle-Neustadt an der Neustädter Passage
Block 023 Hauptpost Halle-Neustadt
Block 024 Haus der Dienste
Block 041 bis 044 an der Magistrale
Block 213 und 214 Hibiskusweg

Halle-Neustadt-Museum

In Halle-Neustadt gibt es ein kleines Museum, das die Geschichte der Stadt dokumentiert. Der Heimatbund Passendorf unter der Leitung des halleschen Stadtratmitglieds Erwin Bartsch hat die Museumsstücke zusammengetragen. mehr

Kreuzworträtsel-Mord

"Tötungsverbrechen in Halle-Neustadt ist aufgeklärt". Hinter der knappen Meldung der Halleschen Tageszeitung vom 21. November 1981 verbirgt sich eine der wohl spektakulärsten und aufwändigsten Ermittlungsaktionen in der Kriminalgeschichte der DDR: Am 15. Januar des Jahres war ein siebenjähriger Junge aus Halle-Neustadt bei einem Kinobesuch verschwunden. Zwei Wochen später findet ein Streckenläufer der Deutschen Reichsbahn an einem Bahndamm zwischen Halle und Leipzig einen Koffer mit der Leiche des Jungen. Der Koffer ist ausgestopft mit zerknülltem Zeitungspapier. Auf einigen der Zeitungsseiten befinden sich ausgefüllte Kreuzworträtsel. Wenige Buchstaben-Kombinationen, alles andere als eine heiße Spur. Da es aber keine weitere gibt und die "Zentrale" vehement auf Erfolgsmeldungen drückt, bleibt den Ermittlern nichts anderes übrig, als dieser dürftigen Spur zu folgen. Sie versuchen herauszufinden, wer das Kreuzworträtsel ausgefüllt hat, in der Hoffnung, damit in die Nähe des Mörders zu kommen.
Eine Aktion rollt an, die beispiellos geblieben ist. Hunderte Polizisten, freiwillige Polizeihelfer und MfS-Mitarbeiter gehen in Halle-Neustadt auf Klingeltour, um "individuelle Schreibleistungen" einzuholen, wie es im Polizeideutsch etwas umständlich formuliert war. Treppauf, treppab werden die Bürger von Halle-Neustadt aufgesucht, um einen zunächst langen, dann immer kürzeren Text zu Papier zu bringen, der von Schriftexperten ausgeklügelt worden war. Hartnäckige Verweigerer werden registriert, ihre Schriftproben werden konspirativ beschafft. Ganze Schwärme von Jungen Pionieren werden aufgeboten, um Abfallberge nach Altpapier zu durchforsten. 60 Tonnen Zeitungspapier sind das Ergebnis. Parallel werden die so genannten Kaderabteilungen sämtlicher Betriebe in Halle abgeklopft: 100.000 Schriftvergleiche werden hier genommen. 30.000 Anträge auf Wohnraumzuweisung werden durchgearbeitet, ebenso 250.000 Anträge auf einen Ausweis und 90.000 ausgefüllte Telegrammformulare. Nicht zuletzt 40.000 Bestellscheine, auf denen die Hallenser ihre Trabi- und Wartburg-Bestellungen aufgegeben hatten. Insgesamt wird die enorme Menge von 551.198 Schriftproben ausgewertet. Nach zehn Monaten, kaum jemand glaubt noch an den Erfolg, sind die Ermittler endlich am Ziel. Die Erfolgsgeschichte der Volkspolizei war - leicht modifiziert - bereits kurze Zeit später im Fernsehen der DDR in der Kriminalserie "Polizeiruf 110" zu bestaunen.

Der hallesche Schriftsteller und Krimiautor Harald Korall hat das Geschehen in einem Roman verarbeitet.
Hans Girod hat dazu das Buch "Der Kreuzworträtselmord und andere Kriminalfälle der DDR" geschrieben.
Anfang 2013 veröffentlichte Kerstin Apel, die damalige Lebenspartnerin des inzwischen verstorbenen Mörders, das Buch "Der Kreuzworträtselmord: Die wahre Geschichte". Da Angaben in dem Buch ihren Aussagen bei der polizeilichen Vernehmung widersprachen, wurde gegen sie Anklage erhoben. Die Autorin erklärte, das Geschehen aus dramaturgischen Gründen etwas überzeichnet zu haben. Da das Gegenteil nicht nachgewiesen werden konnte, wurde die Anklage schließlich fallengelassen.

Chronik Halle-Neustadt

Plastik in der Neustaedter Passage | Foto: Martin Schramme 1958
Das Zentralkommittee der SED berät das Chemieprogramm der DDR.

17. September 1963
Das Politbüro der SED beschließt den Bau der Chemiearbeiterstadt.

1. Februar 1964
Das Plattenwerk zur Fertigung von Betonfertigteilen wird eröffnet.

7. April 1964
Die Planungen werden an die Entwurfsgruppe "Städtebau" unter der Leitung von Chefarchitekt Prof. Dr. Richard Paulick übergeben.

15. Juli 1964
Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann, legt den Grundstein für den neuen Wohnbezirk Halle-West.

August
Im Plattenwerk Halle-Neustadt läuft die Produktion an.

9. August 1965
Die ersten Mieter ziehen im Block 621 (heute Akener Bogen) ein.

24. April 1967
Der Bahnverkehr von Halle-West (Zscherbener Straße) nach Buna und Leuna wird aufgenommen.

12. Mai 1967
Der Stadtteil Halle-West wird in Halle-Neustadt umbenannt.

2. Juli 1967
Die Bürger von Halle-Neustadt wählen ihr erstes Stadtparlament. Erster Bürgermeister wird SED-Genosse Walter Silberborth.

14. Juli 1967
Halle-Neustadt erhält das Stadtrecht.

1968
VEB Kraftverkehr Halle nimmt in Halle-Neustadt den Linienbusverkehr auf.
Grundsteinlegung für die Schwimmhalle.
IX. Arbeiterjugendkongreß beider deutscher Staaten und Westberlins am 1./2. Juni in der Sporthalle von Halle-Neustadt

1969
Aufnahme des S-Bahn-Verkehrs zwischen Halle-Dölau und Halle-Hauptbahnhof.

Mai 1970
Das zentrale Lehrlingswohnheim wird übergeben.

1970
Liane Lang wird Oberbürgermeisterin von Halle-Neustadt und gilt zu der Zeit als die jüngste Bürgermeisterin der DDR. Zuvor leitet sie das Neubaugebiet Bitterfeld-Nord.

1971
Kinderkrankenhaus und Bildungszentrum werden eröffnet.
Das Kinderdorf wird gebaut.

1972
Die "Station junger Techniker und Naturforscher" wird eröffnet.
Fidel Castro, der Staatschef des befreundeten Kuba, besucht erst Leuna, dann Halle-Neustadt.

1974
Das Passendorfer Schlösschen wird zum Klubhaus "Johannes R. Becher".

1979
Grundsteinlegung für das Kino "Prisma".

1982
Bei Bauaktivitäten am Block 003 kappen Mitarbeiter des Straßen-Tiefbau-Brücken-Kombinats (STBK) ein Fernsehkabel des Magistralennetzes. In 10.000 Wohnungen fielen daraufhin Fersehen und Ukw aus. Zu weiteren Zwischenfällen kam es im September 1982 an den Blöcken 224, 619 und 635.
1983
Die Montage des Wohngebiets am Südpark beginnt. Das Kino "Prisma" (mit moderner Klimaanlage) wird eröffnet. Der Satelittenempfang des sowjetischen Senders Moskau I in der Garnison Heide ("Russenkaserne") wird vorbereitet.

1984
Heinz Möhrdel erhät den Auftrag, für Halle-Neustadt ein eigenes Wappen zu entwerfen.

1989
In Halle-Neustadt wird ein Rathaus gebaut, bis zur Deutschen Einheit aber nicht mehr fertiggestellt.

Mai 1990
Halle-Neustadt wird nach Halle eingemeindet.

April 1998
Erster Spatenstich für den Straßenbahnbau auf dem Grünstreifen der "Magistrale".

Februar 1999
Der Abriss des Kinos "Prisma" beginnt.

2000
Das Neustadt Centrum wird dort gebaut, wo bisher das Kino stand.

17. Juni 2003
Die GWG beginnt mit dem Abriss des ersten Wohngebäudes (Zwölfgeschosser Azaleenstraße 52-55).

Sommer 2004
In Halle-Neustadt werden 40 Jahre gefeiert.

2014
Halle-Neustadt wird 50 Jahre alt.

Register
DDR = Deutsche Demokratische Republik - erster sozialistischer Staat auf deutschem Boden (07.10.1949 bis 02.10.1990)
Kaufhalle = DDR Supermarkt mit einem bunten Warenangebot (vorrangig Lebensmittel)

LINKS

Vorgeschichte des industriellen Bauens mit Betonfertigteilen

Kunststadt Neustadt
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