Halles schmutziges Geheimnis

Orgacid: Der mysteriöse Untergrund von Halle-Ammendorf

Text: Martin Schramme, letzte Aktualisierung: 25.08.2016

Ammendorf, 1950 nach Halle Saale (Sachsen-Anhalt) eingemeindet, hat ein giftiges Geheimnis. Lost. Der Blasen an Gliedmaßen und inneren Organen hervorrufende, langsam tödlich wirkende chemische Kampfstoff wurde hier während des so genannten Dritten Reiches produziert. Unter dem Tarnnamen Orgacid war Ammendorf anfangs sogar führend bei der Lost-Herstellung im Deutschen Reich und einziger ernsthafter und mit allen Mitteln bekämpfter Gegner des Chemiegiganten und Kampfstoffherstellers IG-Farben.

Auch 2001 wurde das kontaminierte Gelände noch - wenn auch inzwischen routinemäßig - überwacht. In einem nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 vorübergehend geöffneten Bunker, in dem einst Lost-Vorräte lagerten, und in dem ihn umgebenden Boden gibt es noch immer übel riechende Kampfstoffreste, überwiegend Zersetzungsprodukte, die in ihrer Konzentration heute aber offiziell als unbedenklich gelten. Nach Probebohrungen, Wasserproben und Luftmessungen bis Mitte der 1990er Jahre hat die Stadt Halle den Fall offiziell abgeschlossen. Mit Muttererde und Absperrzaun.

Der wieder versiegelte, innen geflieste, doppelwandige Betonbunker bleibt nicht zuletzt deshalb auf unbestimmte Zeit als ewiges Andenken an die Giftküche der Nazis im Boden, weil eine Sprengung und Beseitigung zu teuer ist, aber auch als zu riskant gilt. Schon die Russen waren daran gescheitert, den gesamten Giftgas-Komplex zu entfernen.

Derweil hat das lästige Erbe eine lange Vorgeschichte. So war es zunächst das für die Lost-Herstellung benötigte Vorfabrikat Oxol, das seit 1935 in Ammendorf eingelagert wurde. Absender: IG-Farben Ludwigshafen. Bereits seit 1925 produzierten die Giftmixer das Oxol. Nun ließ die Reichswehr täglich zwei Tonnen kommen (Vgl. Olaf Groehler: "Der lautlose Tod"). Bereits 1934, genau am 23. November, war die "Orgacid GmbH" ins Handelsregister der damaligen Reichshauptstadt Berlin eingetragen worden. Bis heute ist das geheimnisumwitterte Unternehmen gleichwohl ein Phantom geblieben. Als Giftsumpf, aus dem Dämpfe aufsteigen, welche die Zunge pelzig werden lassen, gelangte Ammendorf am 16. Januar 1995 in die Schlagzeilen des Hamburger Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Schon zu NS-Zeiten hatte es Probleme mit Gasen im Zusammenhang mit der Produktion bei der Orgacid gegeben, so dass 1940 ein entsprechendes Gutachten angefertigt wurde. 1991 gab es nach umfangreichen Bodenanalysen wieder Warnungen. Dabei waren Medienberichten zufolge schon 1953, 1954 und 1990 tonnenweise Giftstoffreste vom Gelände geschafft worden.

Etwas bekannter, weil bis zur Übernahme der Aktienmehrheit 1997 durch die VIAG in München eigenständig und seit 1999 Teil der Süddeutschen Kalkstickstoff-Werke AG (SKW), ist die Th. Goldschmidt AG, 1847 in Berlin gegründet, seit 1889 mit Hauptsitz Essen. Hans und Karl, die Söhne des Firmengründers, des Chemikers Dr. Theodor Goldschmidt (bereits vor der Orgacid auch in Halle tätig), waren es schließlich, die mit der Degussa (heute mit Sitz in Frankfurt/Main) über deren Uraltpartner Auer (Auergesellschaft) und dem Heereswaffenamt jene gewinnbringende Giftküche in Ammendorf mit 120.000 Reichsmark Startkapital anschoben. Im Buch von Olaf Groehler heißt es dazu: "Nach den Vorstellungen des Heereswaffenamtes sollte die Orgacid die Großproduktion von Lost (Gelbkreuz) in die Wege leiten. Dazu war ein ausgedehntes neues Werk in Ammendorf geplant. Außerdem sollte sie die notwendigen Kampfstofflager der Reichswehr einrichten. Die Kosten wurden vorerst auf 36 Millionen Reichsmark beziffert."

Für die Th. Goldschmidt AG und die Auergesellschaft, die seit 1937 bei Mitwirkung des Heereswaffenamtes (HWA) je 50 Prozent hielten, war die Orgacid GmbH ein äußerst profitables Unternehmen und das, obwohl der Einsatz von Giftgas während des Zweiten Weltkriegs - aus taktischen Überlegungen - marginal blieb. Für die streng vertrauliche Staatsangelegenheit stellte der Staat enorme Mittel zur Verfügung. Immerhin 300.000 Tonnen Giftgase - Phosgen, Lost, Sarin und Tabun (um die bekanntesten zu nennen) - lagerten 1945 im Deutschen Reich und ein Teil davon in den Bunkern auf dem Werksgelände in Ammendorf, wo Lost und Senfgas hergestellt wurden.

Groehler über die Bauarbeiten von 1935 bis 1939 in Ammendorf: "Bauschwerpunkt der Orgacid war das neue Kampfstoffwerk in unmittelbarer Nachbarschaft der dem Goldschmidt-Konzern gehörenden Chemischen Fabrik Buckau, einer der ältesten in Deutschland überhaupt, deren Sitz von Buckau nach Ammendorf verlegt worden war." (1921 hatte Goldschmidt - wegen der durch die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Auslandsaktivitäten um Akquisition bemüht - die Aktienmehrheit an der Chemischen Fabrik Buckau AG, Magdeburg, mit dem Werk in Ammendorf erworben. Dort wurde vor allem Ätznatron für die Kunstseiden- und Textilindustrie, Ätzkali für die Seifenfabriken und Chlor für die Essener Weißblechentzinnung hergestellt.) Drei Anlagen seien entstanden, eine für das Lost-Vorprodukt Oxol, eine zur Umwandlung des Oxols in Lost und eine weitere zur Herstellung von Stickstofflost, eine kampftechnische Modifizierung des Hautgiftes Lost. Die ersten mit den neuen Anlagen produzierten Tonnen des Kampfstoffes Lost, der nach neueren Überlegungen der Nazis aus Flugzeugen versprüht werden sollte, standen im Mai 1938, die ersten Tonnen Stickstoff-Lost im Oktober des selben Jahres zur Verfügung. Bereits im März 1936 konnte Ammendorf laut Groehler aus dem damals noch von den IG Farben gelieferten Oxol zwölf Tonnen Lost herstellen.

Weit größere Mengen sollte die Orgacid nach den Vorstellungen der Giftgasbefürworter ausstoßen. Bereits Ende der 30er Jahre war die Rede von 3600 bis 5000 Tonnen Lost im Jahr. Doch das für die Produktion benötigte Chlor konnte nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung gestellt werden. Die Giftgasambitionen des Heereswaffenamtes scheiterten aber auch an der IG Farben, die als Chemiegigant und Monopolist am entscheidenden Hahn der Rohstoffzufuhr saß und nicht daran dachte, ihre eigene Schlüsselposition im profitablen Giftgasgeschäft an die Konkurrenz abzugeben.

Foto: Martin Schramme, 2015 Seit 1939 war Dr. Eugen Möllney Orgacid-Betriebsdirektor. Er wohnte in der Schachtstraße 11.

1940 beim Bau einer großen Abfüllanlage für Kampfstoffe kamen bei der Orgacid bis zu 500 ausländische Zwangsarbeiter zum Einsatz. Es waren Belgier, Bulgaren, Slowaken, Franzosen, Russen, Spanier, Holländer, Tschechen, Italiener, Türken, Kroaten und Westukrainer. Im Dezember 1942 erhielt die Orgacid für ihre Kriegsproduktion schließlich die Auszeichnung "Musterbetrieb". Am 29. Juli 1944 war nochmal ein großer Aufmarsch von Wehrmacht und NSDAP, denn der Reichsführer der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Robert Ley, schaute vorbei.

Im Halleschen Adressbuch von 1942 waren unter Ammendorf folgende Einträge zu finden: Orgacid GmbH und Deutsche Quarzschmelze Gleichmann & Co. (Erdgeschoss), Eisenbahnstraße 9, Th. Goldschmidt AG, elektrochemische Werke, Schachtstraße 11-11g. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Orgacid befanden sich eine Seilfabrik (Eisenbahnstr. 8) und eine Weizenstärkefabrik (7).

Am 13. April 1945 demonstrierten die Alliierten einmal mehr ihre Luftherrschaft über Halle und das Umland. Um 9 Uhr wurde bei Orgacid die Produktion eingestellt. Schon bald darauf fiel Ammendorf erst in die Hände der Amerikaner, dann kamen die Russen. Die Alliierten interessierten sich für die deutsche Technik. Denn im August 1945 unterschrieb Sowjetunion-Lenker Josef Stalin mehrere Verfügungen des Staatlichen Komitees zur Verteidigung, wonach Chemiewaffentechnik in Deutschland demontiert, in die UdSSR geschafft und dort wieder aufgebaut werden sollte. Nach Angaben der Inspektoren der US-Armee befanden sich bei der Übergabe des Werkes an die Sowjetische Militäradministration (SMAD) im Sommer 1945 folgende flüssigen Kampfstoffe auf dem Giftgas-Fabrikgelände: 445 Tonnen Sommer-Lost, 174 Tonnen Winter-Lost und sechs Tonnen Stickstoff-Lost. 1945/46 schaffte die Rote Armee die Giftstoffe vom Gelände, doch das, wie sich später rausstellen sollte, offenbar nicht vollständig. Nach der Demontage brauchbare Anlagen begannen die Russen, die Reste der Giftgasfabrik zu sprengen. Stehen blieb insbesondere das "rote Haus" der Orgacid-Verwaltung. Die Verwaltung der Deutschen Grube, später VEB Braunkohlewerk Ammendorf, nutzte fortan das Gebäude. Die Kampfstoffe wurden zum Teil im Kraftwerk des Plastwerkes Ammendorf, zum Teil im Chemiewerk Dessau-Kapen verbrannt; zuletzt 1953/54. Die Entgiftung des Bodens war 1958 offiziell abgeschlossen. Seit 1990 wurde jedoch nochmals nachgearbeitet.

2016 war der Name Orgacid bei einem kanadischen Biofutter-Hersteller Biofeed wieder im Umlauf und bezeichnete einen Futterzusatz für die Landwirtschaft. Auf der Homepage des Unternehmens hieß es, Zitat: "Orgacid contains a premium mix of bioactive organic acids which are concedered as the best alternative to banned antibiotic growth promoters in livestock and poultry. It is ideal to be used in young animals to overcome the pathogenic threats."

Quellen:
Olaf Groehler: "Der lautlose Tod" 1984
Peter Hayes: "Die Degussa im Dritten Reich: von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft"
Walter Teltschik: "Geschichte der deutschen Grosschemie: Entwicklung und Einfluss in Staat und Gesellschaft"
Günther W. Gellermann: "Der Krieg, der nicht stattfand: Möglichkeiten, Überlegungen und Entscheidungen der deutschen Obersten Führung zur Verwendung chemischer Kampfstoffe im Zweiten Weltkrieg"
Rolf Petri: "Technologietransfer aus der deutschen Chemieindustrie (1925-1960)" 2004
Deutscher Bundestag: Drucksache 13/2348 vom 24.10.1995
Besonders heikel - DER SPIEGEL 40/1990
Gras drüber - DER SPIEGEL 3/1995
Medizin im Nationalsozialismus und das System der Konzentrationslager: Beiträge eines interdisziplinären Symposiums

Links
Orgacid GmbH
Th. Goldschmidt AG
Auergesellschaft