Baustelle Halle

letzte Aktualisierung: 08.08.2016, Text: Martin Schramme

Händelstadt Halle Saale: Riebeckplatz und Hochstraße

Ende der 40er Jahre und in den 50er Jahren waren die Hallenser mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) beschäftigt. Der Sozialismus kam in vergleichsweise kleinen Schritten voran, doch begann die DDR bereits in den 50er Jahren an einer eigenen architektonischen Handschrift zu arbeiten, die zu dieser Zeit freilich sehr stark durch den Staatschef der Sowjetunion, Josef Stalin, bestimmt war. Der sozialistische Realismus entwickelte sich. Die historische Stadt mit den engen Straßen und Gassen und dunklen Hinterhöfen galt als Relikt der Ausbeutergesellschaft Kapitalismus und sollte durch weite, helle, klare Strukturen ersetzt werden. In der Aufbruchstimmung träumten viele von einer lichten Zukunft: dem Kommunismus. Die Sozialistische Einheitspartei (SED) versprach diese Zukunft an und arbeitete an gigantischen Umgestaltungsplänen. Sie sprach vom Fortschritt. Die Raumfahrt befeuerte die kühnsten Träume vom neuen Mensch und vom Sieg des Kommunismus. Weltweit waren ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Als Idealbild der neuen Stadt galt Brasilia. So entstanden die größten Bauten in den Jahren von 1964 bis 1974, darunter die Hochstraße und der Thälmannplatz (heute Riebeckplatz).

Die großen Vorhaben wurden auch in Halle einige Nummern kleiner, als die DDR im Verlauf der 70er Jahre und endgültig in den 80er Jahren ökonomisch massiv in Bedrängnis kam. Ressourcenknappheit, Devisenwirtschaft, Reparationszahlungen, Plantricksereien und ideologische Borniertheit rissen eine Lücke, die nicht mehr zu schließen war. Dem Traum von der modernen sozialistischen Stadt wurden Teile der historischen Stadt geopfert. Doch das in den 1960er entworfene Vorhaben, quasi durch die gesamte Stadt breite Fahrschneißen zu schlagen und rechts und links von ihnen industriell gefertigte Betonwohntürme zu errichten wurde - zum Glück - nie umgesetzt.

Thälmannplatz
Der Riebeckplatz war bis zum Kriegsende 1945 das zweite neue Zentrum Halles neben dem Marktplatz. In Bahnhofsnähe gelegen war er von namhaften Firmensitzen und Hotels umgeben. Eine der bekanntesten Lokalitäten, das Hotel Goldene Kugel, hatte schwere Kriegstreffer. Auch anderen Gebäude in Platznähe waren beschädigt. Den ersten Platz in Halle, den Bahnreisende zu sehen bekommen, wollten die Stadtplaner in den 1960er Jahren komplett umkrempeln. An dem zu der Zeit verkehrsreichsten Knoten der DDR bestand Handlungsbedarf. So wurden aus sieben direkt in den Platz einmündenden Straßen vier. Bei der Gesamtgestaltungen des neuen Platzes sollte am Ende der sozialistische Städtebau Einzug halten, wie er nicht zu der Zeit etwa in Berlin und Dresden bereits praktiziert wurde,. Die Planer wollten zugleich eine Verbindung herstellen zwischen dem Hauptbahnhof und der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt. Es galt gewissermaßen, eine "Magistrale des Fortschritts" zu bauen. Zwei 23 Etagen hohe Wohntürme und eine Stahlbrücke mit Benzolringen bilden eine Torsituation Richtung Neustadt. In die Mitte des Platzes wurde weitgehend außerhalb der Verkehrsströme die Straßenbahn verlegt. Die Fußgänger erreichten den Bahnhof statt über Zebrastreifen nun durch ein Tunnelsystem. Für Gäste der Stadt wurde zudem das Interhotel Stadt Halle errichtet.

Bis zum Jahr 2000 blieb der Platz weitgehend unangetastet. Nur Thälmann musste gleich nach der Wende wieder Platz für Riebeck machen. Wegen des weitere zunehmenden Verkehrsaufkommens entwickelte sich der Platz zur Unfallproblemzone Nummer Eins. Außerdem galt es, die begonnene neue Straßenbahntrasse von Halle-Neustadt zum Hauptbahnhof in den Platz einzubinden. Ein radikaler Umbau begann: Abriss des Fußgängertunnels, Verlegung der Straßenbahntrassen auf die Fußgängerebene, neue Straßenbahnquerung am Eingang Merseburger Straße, Abriss des Denkmals der Arbeiterbewegung (Fäuste) vor dem Haus des Lehrers, Abriss des Sombreros auf der Verkehrsinsel in der Platzmitte. 2006 war die Anpassung des Platzes vorerst abgeschlossen. Allerdings lief bereits seit 2004 die Diskussion, was mit den zwei Wohntür;me in städtischem Besitz (HWG) passieren sollte. Über Abriss wurde laut nachgedacht, doch zunächst noch ein Runder Hochhaustisch zwischengeschaltet. Namhafte Architekturbüros legten Entwürfe für die Sanierung vor und HWG-Konkurrent Ulrich Marseille, der in Halle-Neustadt bereits mehrere ähnliche Immobilien erfolgreich saniert und vermietet hatte, bot den Kauf der Objekte an. Die Stadt lehnte ab und zog den Abriss beider Hochhäuser vor. Wegen des Altschuldengesetzes und der Abrissförderung war die Beseitigung der Stahlskelettbauten, die schützenswert gewesen wären, war der Abriss für die HWG wirtschaftlich interessanter, zumal deren damaligem Geschäftsführer die Vermarktung der durch den Abriss entstehenden Flächen in zentraler Lage vorschwebte.

Hochstraße
Als der Verkehr in den 1960er Jahren immer weiter zunahm und Halle-Neustadt 1964 begonnen war, mussten Halles Stadtväter dringend handeln, die Verkehre neu sortieren und einen neuen, leistungsf¨higen Saaleübergang schaffen. Schließlich fiel die Wahl auf den Bau einer Trasse entlang der ehemaligen, mittelalterlichen Stadtbefestigung im Süden der Altstadt. Wegen des durch des durch das Saaletal bestimmten besonderen Geländeschnitts auf der Ost-West-Achse vom Thälmannplatz nach Halle-Neustadt einigten sich die Architekten auf den Bau einer Hochstraße. Das entsprach damals ganz nebenbei dem Trend der Zeit, wonach eine Stadt autogerecht sein sollte mit Bauwerken aus Stahl und Beton und möglichst kreuzungsfrei.

Nach dem Ende der DDR 1990 ging es schon bald an die Sanierung der Hochsträße. Monatelang standen pendelnde Hallenser in endlosen Staus. Dann war es lange ruhig um das in einer eleganten S-Kurve geschwunge Bauwerk. Bis 2007. Da gründeten einige Hallenser in exponierter Stellung die Bürgerinitiative Hochstraße Halle an der Saale und stellten die Hochstraße in Frage. Sie teile die Stadt und müsse daher abgerissen werden, war das Fazit ihrer Auffassungen. Seitdem wurde heftig pro und contra gestritten. Die Stadtverwaltung Halle besann sich letztlich auf die pragmatische Lösung und setzte 2016 nochmals Millionen für den Erhalt der zentralen Verkehrsader ein.