Pokemon beherrscht die Stadt

Von Martin Schramme, zuletzt aktualisiert am 10.09.2016

Freitagabend, 2. September 2016. An der Steinmühle in Halle unweit der Ziegelwiese lagern zahlreiche Leute auf Wiese und Weg. Einige stehen, andere sitzen, einige haben Klappstühle mitgebracht und alle schauen gebannt auf ihre Smartphones. Einige Schritte weiter haben Menschen Decken ausgebreitet und kastenweise Bier herangeschleppt. Sie sitzen im Kreis zusammen, grillen, essen und unterhalten sich. Zwei Welten. Was um alles in der Welt treiben die da an der Steinmühle?

Ich frage eine jungen Mann, der seine Augen kaum vom Bildschirmchen hebt. Auf dem Display sind Wege und Wiesen zu erkennen, drei Anhäufungen zahlreicher rosa Pünktchen und ein dicker Vogel. Die Häufung der Punkte markiert einen Poke-Stop, erklärt der Mann und bearbeitet sein Pokemon weiter mit einem Poke-Ball. Die vielen Leute sitzen hier nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzen Mal.

Pokemon, zu deutsch das Taschenmonster, war schon einmal groß in Mode: als Spiel und Sammelware. Damals elektrisierten die Sammelkarten viele Kinder. Als Konkurrent betrat schon bald darauf mit Digimon ein weiteres japanisches Anime die Arena. Wieder nervten Kinder ihre Eltern, jedes dieser Wesen haben zu müssen. Das ist vorbei. Pokemon 2.0, eigentlich Pokemon go, ist ein virtuelles Wesen und hat jetzt auch Jugendliche und Erwachsene infiziert. Die Wiedergeburt von Pokemon mutet fast an wie die von Modern Talking 1998. Damals feierte das Kultpopduo der 1980er Jahre seine Wiederauferstehung, nachdem es nach der Trennung 1987 bereits dauerhaft mumifiziert erschien.

Wie Lemminge folgen die Spieler den Pokemons und während ein Juwelier an der Schmeerstraße den hypnotisierten Pokemon-Schwärmern Rabatte verspricht, bitten genervte Konzertveranstalter ausdrücklich darum, die Suchenden mögen diesen Ort meiden und so das Konzert nicht stören.