Wende in Halle

letzte Aktualisierung: 27.12.2016

Revolution oder Wende? - Zeittafel der Ereignisse

1989 hat der Bezirk Halle mit über 250.000 SED-Mitgliedern und Kandidaten die größte Bezirksparteiorganisation der DDR. Im Frühjahr 1989 haben im Bezirk Halle laut Informationen des MfS 6273 Bürger einen Antrag auf ständige Ausreise gestellt und es gibt 20 so genannte Bürgerrechtsgruppen mit geschätzten 350 Mitgliedern. Die Versorgungslage ist prekär, die allgemeine Stimmung schlecht. Das MfS stellt fest: "Allein in der Warenbereitstellung für den Bezirk Halle besteht durch die Industrie Ende März 1989 ein Rückstand in Höhe von 152 Millionen Mark."

einer der Wendesprüche vom Hansering in Halle Saale September

September 1989: Katrin und Frank Eigenfeld beteiligen sich an der Gründung des Neuen Forums in Berlin-Grünheide. Zwei Tage sitzen sie unter anderem mit Bärbel Bohley, Jens Reich und Rolf Henrich (Verfasser des Werkes "Der vormundschaftliche Staat") zusammen und arbeiten an einem Aufruf an die Bürger der DDR. Der erste Satz in ihrem Papier heißt: "Die Kommunikation in unserem Land ist gestört." Ziel sind Reformen. Die Einheit Deutschland ist kein Thema. Es ist der "Aufbruch '89". Auf der Suche nach einem Name schlägt Reich Forum vor, nach dem Vorbild des Ortes in der Antike, wo die Bürger ihre Angelegenheiten regeln. Weil es eine Neuauflage der alten Idee ist, heißt das Forum am Ende Neues Forum.
19. September: Katrin und Frank Eigenfeld melden das Neues Forum beim Rat des Bezirkes Halle an. (siehe Foto)
26. September: Der Antrag des Neuen Forums auf formelle Anerkennung wird vom Rat des Bezirkes Halle abgelehnt.

Oktober

7. Oktober: Erste Protestveranstaltung auf dem Marktplatz in Halle. Eine Gruppe von 50 bis 60 Leuten skandiert laut einem Stasibericht staatsfeindliche Parolen: "Freiheit, Demokratie, Stasi raus, Bullen raus, Gorbi, Gorbi, wir bleiben hier." Es gibt 47 Verhaftungen.
9. Oktober: Demonstration auf Halles Marktplatz, 40 Verhaftungen. Die Polizei geht gegen die Demonstranten rigoros vor. Halles Marktkirche wird zum Zufluchtort und Anlaufpunkt für Ausreisewillige. [Video]
10. Oktober: Zwei Mitarbeiter des Druckhauses des SED-Organs "Freiheit" bekennen sich offen zum Neuen Forum. Die Georgenkirche wird zum Informationszentrum. Für die am 7. und 9. Oktober Verhafteten wird eine Mahnwache eingerichtet.
13. Oktober: Reporter Jan Carpentier von der DDR-Jugendsendung "1199" (damalige Postleitzahl von Berlin - Hauptstadt der DDR) dreht das erste Mal im Widerstandzentrum Georgenkirche und spricht unter anderem mit Pfarrer Hans Hanewinckel.
15. Oktober: 2000 Menschen kommen in der Pauluskirche zusammen. Im Ergebnis soll eine kleine Abordnung dem Oberbürgermeister die Forderung nach Gewaltfreiheit überbringen.
16. Oktober: 1500 Hallenser fordern Gewaltfreiheit. Keine Gewalt ist das Hauptthema des Neuen Forums
20. Oktober: Die DDR-Jugendsendung 1199 ist noch einmal zur Reportage an der Georgenkirche in Halle, nachdem das gedrehte Material vom 13.10.1989 - wie von einigen interviewten Skeptikern befürchtet - vor einer Woche im Fernsehen der DDR nicht gesendet wurde.
23. Oktober: Zirka 7000 Demonstranten ziehen durch Halles Innenstadt. Einzelne Mitglieder der SED-Stadtleitung treten mit Demo-Teilnehmern in Dialog. Etwa 2000 Demonstranten ziehen zur SED-Bezirksleitung am Thälmann-Platz (heute Riebeck-Platz).
24. Oktober: Auf einer Sondersitzung plant die SED eine eigene Demo mit 60.000 Teilnehmern für den 30. Oktober. Das Vorhaben scheitert am Ungehorsam der Parteibasis.
26. Oktober: Dialogveranstaltung mit Bürgermeister Eckhard Pratsch und über 6000 Menschen in Halles Volkspark.
30. Oktober 1989: SED-Bezirkschef Hans-Joachim Böhme trifft vier Vertreter des Neuen Forums in Halle zu einem persönlichen Gespräch in der SED-Bezirksleitung (heute: ComCenter). Es ist ein Premiere. Bisher hat die Partei nur mit Kirchenleuten gesprochen. Die Reformer fordern eigene Räume in der Stadtmitte, um sich treffen zu können. Bisher trafen sie sich in Kirchen und Privatwohnungen. Böhme verspricht, sich um die Raumfrage zu kümmern. Ein historisches Gebäude an der Klausbrücke wird im Dezember als Domizil feststehen. Nachdem die Pläne, an der Spitze einen Kulturpalast zu bauen, verworfen sind, steht das eigens für die Bauleitung sanierte Haus zur Verfügung. Zur Montagsdemo kommen an dem Tag über 50.000 Menschen. Eine ebenfalls geplante Gegendemonstration entfällt: Ab 17 Uhr sollten Kommunisten in Richtung Hallmarkt ziehen unter dem Motto "Rote Fahnen gegen weiße Kerzen!". Vor der Stasibezirkszentrale in Halle-Neustadt demonstrieren Menschen und fordern die Öffnung des Gebäudes.

November

2. November: Dialogversuch Böhmes auf Halles Marktplatz. 10.000 Hallenser kommen.
6. November: 80.000 Menschen sind auf der Straße und unterstützen den Wunsch nach Veränderung. Mit der wachsenden Größe der Montagsdemos haben die kirchennahen Reformkräfte die Kontrolle über die Entwicklung verloren. Der Dialog ist in einen erbitterten Machtkampf umgeschlagen. Die Demos werden immer aggressiver und die Privilegien der SED-Spitzen angeprangert.
9. November: Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Hans-Joachim Böhme, dankt nur einen Tag nach seiner Wiederwahl aufgrund starker Proteste auch innerhalb der SED in Halle ab.
11. November: Roland Claus wird SED-Bezirkssekretär in Halle.
13. November: 5000 Menschen kommen zur Montagsdemo trotz Nebel.
Seit der Mauer-Öffnung am 9. November nimmt die Zahl der Demo-Teilnehmer stetig ab.
Auf der letzten Montagsdemonstration im November erschienen in Halle erstmals Transparente mit der Forderung "Keine sozialistischen Experimente - Wiedervereinigung sofort".

Dezember

Dezember 1989: Zunehmend werden nationalistische Töne laut. Die Demo-Initiatoren distanzieren sich davon und sprechen sich gegen eine Wiedervereinigung aus. Die SED in Halle ist nicht mehr arbeitsfähig, ihre Auflösung wird gefordert.
5. Dezember: Besetzung der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit des Bezirkes Halle in Halle-Neustadt am Gimritzer Damm. Die Vernichtung der Akten wird gestoppt. Ein Bürgerkomitee besetzt auch die Stasi-Büros der Haftsanstalt "Roter Ochse".
12. Dezember: Im Katholischen Gemeindezentrum in der Gütchenstraße wird der "Runde Tisch des Bezirkes Halle" gegründet.
16. Dezember: Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher besucht Halle und trifft Mitglieder der Reformgruppen in der Gemeinde St. Georgen.

Januar

9. Januar 1990: In Halle findet eine DDR-weit einmalige Handwerkerdemonstration mit 12.000 Teilnehmern statt. Die Polizei kassiert das Waffenarsenal der Stasi-Zentrale am Gimritzer Damm: 6500 Pistolen, 3400 Handgranaten und 3200 Maschinenpistolen mit neun Millionen Schuss.

Februar

13. Februar 1990: Letzte Montagsdemo in Halle.

Hauptschauplätze der Wende in Halle:
Georgenkirche (Infozentrum und Mahnwache), Pauluskirche, Marktkirche (Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen), Katholisches Gemeindezentrum Heilig Kreuz Koordinierungszentrum für die Demonstrationen und Gründungsort des Runden Tisches in Halle), SED-Bezirksleitung in der Philipp-Müller-Str., Reformhaus (Domizil der Bürgerbewegungen), Bezirksdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit am Gimritzer Damm, Fahnenmonument am Hansering (Ziel der Montagsdemos)

Protagonisten

Wilhelm Bartsch, Heidi Bohley, Jane Bormann, Frank und Katrin Eigenfeld, Hans und Christel Hanewinckel, Martin Herzfeld, Dorothea Ilse, Peter Jeschke, Steffen Metzger, Axel Nelles, Torsten Neumann, Christoph Rackwitz, Lothar Rochau, Ulrich und Monika Schlademann, Dorothea Seefeld, Bodo Sommer, Winfried Völlger, Matthias Waschitschka, Mirjam Voß, Dietmar Webel, Peter Winzer, Sabine Wolff

Literatur

Udo Grashoff
"Keine Gewalt!: Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale Chronologische Darstellung"

Verein Zeit-Geschichte(n) Halle
"Ereignisse im Herbst 89 in Halle/Saale", Eine Dokumentation mit Berichten, Interviews und Stasi-Akten

Peter Raue / Steffen Reichert
"Darf man das?", Die Veröffentlichung von Stasi-Listen in Halle an der Saale im Sommer 1992 und die Folgen.

Constantin Hoffmann
"Ich musste raus - 13 Wege aus der DDR"

Wieland Berg
"Wasser auf die Mühlen", Die Saaleaktion 1989 zwischen Wahlfälschung und Montagsdemos in Halle - und wie die Stasi nur noch hinterher lief.

weitere Dokumente

Im Herbst 1989 formierten sich noch vor dem 40. Jahrestag der DDR neue Parteien, die klar mit der Einparteienherschaft mit Blockparteienunterstützung brachen. Zu nennen wären das Neue Forum und die SozialDemokratische Partei in der DDR (SDP). Heute befragte Mitglieder und Mitgründer dieser Gruppierung betonen immer wieder, dass es damals weder um die Abschaffung des Sozialismus, noch um die deutsche Einheit gegangen sei. Bei einem Blick in das Statut der SDP, das am 7. Oktober 1989 in Kraft treten sollte, sieht die Sache etwas anders aus, denn unter Paragraf 9 steht: "Es wird eine ökologisch orientierte soziale Marktwirtschaft mit gemischter Wirtschaftsstruktur und unterschiedlichen Eigentumsformen angestrebt." (Die Formulierung ist unter dem Aspekt zu lesen, dass das Statut bei den Behörden der DDR zugelassen werden sollte.) Weiter heißt es unter der Überschrift "Grundpositionen zur Erarbeitung des Parteiprogramms" unter "A) Zur Ordnung von Staat und Gesellschaft", Punkt 2, dass es um eine Parlamentarische Demokratie gehe und unter Punkt 12 und 13, dass es ein Recht auf freie Gewerkschaften und Streikrecht sowie Betriebliche Mitbestimmung geben sollte. (Beide Punkte widersprechen ganz klar wesentlichen Grundprinzipien der sozialistischen Planwirtschaft.)

Links

Grenzenlos (Projekt an der Uni Halle)
Wendefokus (Projekt des Bürgerradios Corax)

Bilder

Foto: BStU Halle