„Ich war gern Bauarbeiter“

Dresdner Karl Wronski erinnert sich an den Weg von der Ostfront nach Halle-Neustadt

Von Martin Schramme, erstmals publiziert am 24.08.2014, aktualisiert 01.02.2017


Bildtext: Karl Wronski (94), einst Direktor im WBK Halle, sitzt in seinem Garten mit einer Ausgabe der „Zeitung für die Bauschaffenden des WBK Halle: Die Taktstraße“ aus dem Jahr 1979.

Mehr als 2500 Arbeiter haben Halle-Neustadt errichtet. Dass das zum 50-Jährigen (2014) keiner erwähnt hat, missfällt Karl Wronski, der einst Direktor des Wohnungsbaukombinats Halle-Neustadt war. Dem Festrummel ist er ferngeblieben. Fit genug wäre er gewesen trotz seiner über 90 Jahre.

Halle-Neustadt ist sein Lebenswerk. So empfindet er es und erinnert sich, dass er für die Bauleute einfach der „Karl“ war. Er sei regelmäßig auf die Baustellen gegangen, um sich die Realität anzusehen und die Probleme vor Ort zu kennen. „Ich war gern Bauarbeiter“, erklärt Wronski und gibt zu, dass er ein strenger Chef war. Sein Maßstab seien allein die Erfordernisse des Bauens gewesen. „Die beste Montagebrigade, die wir in den ganzen Jahren hatten, war die Brigade Kroll.“ Die Brigade hieß nach dem Brigadier Günter Kroll, der am 7. Oktober 1972 als „Held der Arbeit“ ausgezeichnet wurde.

„Gearbeitet wurde im Drei-Schicht-System.“ Wronski erzählt von vier Wohnungsbau-Taktstraßen – drei für Fünf-Geschosser, eine für Elf-Geschosser – plus die Taktstraße Schulen sowie die Bereiche Vorlauf, zuständig für die Baugruben, Hauptmechanik und Sonderbauten wie Kindergärten und Kaufhallen. In den Taktstraßen arbeiteten bis 60 Mann, eingeteilt in Montage- und Ausbaubrigaden. „Die Partei verlangte ein Bautempo, aber Material und Technik kamen nicht nach“, erinnert sich Wronski. Beim Material habe es von Anfang an Probleme gegeben. Zement, Sand und Kalk waren zu bekommen. Engpässe gab es jedoch bei der technischen Ausrüstung. „Rohre, Elektroleitungen, Badewannen.“

Für den Bau der „Scheiben“ fuhr Wronski mit Heinz Gossing nach Schweden, wohin die DDR gute Kontakte unterhielt. In Stockholm kauften sie die Fließbauweise samt der dazugehörigen Kräne und Ausrüstungen. Mit gleitenden Schalungen einen Betonbau aus einem Guss hochzuziehen, war für den Osten neu. In der DDR hieß das Verfahren Hallesche Monolith-Bauweise.

Von 1965 bis 1981 war Wronski, mit einer längeren Unterbrechung, in Neustadt tätig. Er lobt diese Jahre, spricht aber auch von einer „sehr strapazöse Zeit“. Gab es Bauverzug, musste er bei den Parteispitzen „antanzen“. Dass er selbst Genosse war, spielte dann keine große Rolle. Mit dem heute sozusagen als Gesicht der SED oft erwähnten Horst Sindermann verstand er sich indes gut. Vielleicht weil er auch gebürtiger Dresdner war. „Wir brauchen ein Chemie-Hochhaus in Halle. Das soll rund aussehen“, habe der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle eines Tages gefordert. „Schalen-Müller hatte ihm den Floh ins Ohr gesetzt“, meint Wronski. Herbert Müller war der Erfinder der HP-Schale, ein besonders strapazierfähiges Stahlbetonelement. Das Hochhaus wurde nie gebaut. Wronski sagt, er habe es Sindermann ausgeredet, andere Zeitzeugen sagen, es wäre an den Kosten gescheitert.

Der Weg ins Bauwesen war Zufall, der Weg in die Partei nicht. Wronski wollte studieren. Dafür brauchte er Geld. Der Reichsarbeitsdienst bot ihm die Perspektive. Doch das Bauingenieursstudium in Karlsruhe ging nicht lange, dann kam der Zweite Weltkrieg. Mit dem Feldzug 1940/41 gegen Frankreich ging es an die Front. Seine Aufgabe: Brücken bauen. Zuletzt saß Wronski mit Resten der Deutschen Wehrmacht in Danzig fest. Russen und Amerikaner flogen Bombenangriffe. Auf der Halbinsel Hela suchten Soldaten und Zivilisten im Frühjahr 1945 letzte Zuflucht. Erst am 14. Mai kapitulierten die Truppen auch dort. Wronski beschreibt seine Gefühle damals als eine Mischung aus Erleichterung über das Ende des Krieges und Enttäuschung über die Kapitulation.

Die russische Gefangenschaft begann mit 120 Kilometern Fußmarsch nach Deutsch-Eylau im besetzten Westpreußen, wo sich jeder zum Wohnen Erdlöcher ausheben sollte. Von dort ging der Transport nach Brjansk und weiter in den Donbass. „Wir wollten arbeiten, durften aber nicht.“ Die Russen verwiesen auf die Genfer Konvention, wonach Offiziere nicht arbeiten durften. Die Zeit mit Nichtstun abzusitzen, war Wronski und seinen Kameraden unerträglich und so unterschrieben sie, dass sie aus freien Stücken arbeiten. Fortan ging es in die Steinkohle 800 Meter unter Tage. Im Lager schloss er sich der Antifa-Gruppe an. Er nennt sich Sozialist – bis heute.

Ab 1947 konnte er sich in der Sowjetunion frei bewegen. Er sollte im Donbass ein Energiekombinat aufbauen. Im Sommer 1949, erinnert sich Wronski, war er zurück in Dresden. Eine Uniform wollte er nie wieder anziehen. „Ich hatte genug von dem, was ich erlebt hatte.“ Doch die Genossen überzeugten ihn, dass es ein Unterschied sei, für wen man eine Uniform trägt. Bei der Kasernierten Volkspolizei und deren Nachfolger Nationale Volksarmee (NVA) bildete er Pioniere aus. Erst in Pirna, Berlin, Storkow, Klietz und zuletzt in Dessau. 1957 begann die DDR, ehemalige Wehrmachtsoffiziere aus der NVA zu entfernen. So kam auch Wronski zurück ins zivile Leben.

Er sollte den VEB Chemiewerk Kapen leiten, erzählt er. Die berüchtigte Munitionsfabrik bei Dessau war ihm eine Nummer zu groß. Die Partei fand Ersatz. Nach Querelen an der Spitze des Baukombinats Dessau war der Platz des Direktors frei. Oberbürgermeisterin Maria Dank nahm die Einstellung vor und stimmte auch der Bedingung zu: Abschluss des Baustudiums. Wronski absolvierte einen Sonderlehrgang in Leipzig. Die Familie war inzwischen in Dessau beheimatet. Da gab es Aufgaben in Halle.

„Die Partei setzt Euch da ein, wo sie Euch braucht“, hieß der Marschbefehl nach Neustadt. Mit Chefarchitekt Richard Paulick und dessen Stellvertreter Karl-Heinz Schlesier hatte Wronski nun zu tun. „Drei Wohnblöcke standen schon“, erinnert er sich an den Anfang. Das ist nun 50 Jahre her. Kaum zu glauben und die Veränderungen sind radikal. „Der Abriss tut weh. Furchtbar“, sagt Wronski. „Doch die Häuser stehen zu lassen, kostet zu viel Geld.“

Nachtrag: Am 4. Oktober 1971 berichtete das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" auf der Titelseite: "An Betriebsangehörige der Leunawerke wurde am Donnerstag die 15 000. Wohnung im Wohnkomplex III Halle- Neustadt übergeben. Damit haben die Bauarbeiter des größten Wohnungsbauvorhabens der Republik ihre Verpflichtung zu Ehren des 22. Jahrestages der DDR vorfristig erfüllt. Der Direktor des Baubetriebes in Halle-Neustadt, Karl Wronski, hob bei der Schlüsselübergabe hervor, daß die Bauarbeiter ihren Plan im Wohnungsbau bis Jahresende erfüllen wollen."